Massaker des Unwissens - Gewalt erzeugt Gegengewalt?

21. Mai 2009 um 5:48 Uhr

Wie schon früher berichtet gab es in Ägypten ein Missverständnis. Wegen der irreführenden Bezeichnung des Virus H1N1 als “Schweinegrippe” ordnete das Gesundheitsministerium die Keulung aller Schweine in Ägypten an. Das diese Anordnung ohne jegliche Notwendigkeit ist, ist ausser Frage. Darum wurde sie wohl auch von der WHO als “unscientific” kritisiert1.

Massenschlachtungen werden durchgeführt

Leider kam es in den letzten Wochen jedoch zu Massenschlachtungen von über 100.000 Schweinen  in Ägypten. Meistens wurde dies unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt. Schade, dann wäre vielleicht schon vorher deutlich geworden, dass Tierschutz oder Ethik bei der Verordnung zweitrangig waren und der Verdacht, dass es sich wirklich um eine politische Einschüchterung der Kopten handelt wahrscheinlich.

Unabhängige Zeitung berichtet von unethischem Handeln

Die Unabhängige Zeitung Masri Al-Youm2 berichtete am 19. Mai 2009 über die Keulungen. Sie sandten eine Journalistin mit Handkamera um den Schweinetransport vom Stall bis zur Wüste in der Umgebung Kairos zu Dokumentieren. Das Video ist frei zugänglich auf Youtube, jedoch nix für Schwache Nerven. Was man sieht ist einfach grauenvoll und kaum in Worte zu fassen. Arbeiter verladen Schweine mit Bulldozern lebend in LKWs. Ausbrechende Schweine werden mit Beton Säcken beworfen, getreten und geschlagen. Viele Schweine lassen ihr Leben schon auf dem Weg aus dem Stall. Die Ladefläche der LKWs ist Blutverschmiert und angstvolles Quicken machen eigentlich jedem sofort klar, dass dies nichts mit Schlachtung zutun hat, sondern eher einem Massaker ähnelt.

Damit nicht genug. In der Wüste werden die Tiere mit Chemikalien besprüht die laut Aussagen von Augenzeugen3 erst nach einer halben Stunde tödlich sind. Auch lebende Tiere werden dann in Ausgehobene Gruben mit nicht gelöschtem Brandkalk geworfen.

Folgen

Aufgrund Weltweiter Proteste von NGOs hat die Regierung inzwischen die einzel Schlachtung der Tiere angeordnet. Laut Islamkennern ist dieses Handeln auch in keinster Weise durch die Scharia erlaubt. Trotz allen Entschuldigen bleibt die Frage warum es soweit kommen muss, und der Hass auf eine andere Religion soweit eskalieren muss.

Die Folgen sind erheblich: Unwissende sehen ihren Fremdenhass bestätigt und kommentierten das Video mit Fremdenfeindlichen Kommentaren die durch das Fehltreten der Egyptischen Regierung in Kauf genommen wurden, hier ein Auszug((:

Tageszeitung Masri Al-Youm eine Journalistin mit einer kleinen Videokamera los, um einen Schweinetransport vom Stall bis zu einem der in der Wüste in der Umgebung Kairos ausgehobenen Grubengräbern zu filmen.

Quotes taken from youtube4 :

“Islam = 666 ”

“Can somone please drop the Big One in the middle east, the sooner the better….. ”

“ihr verfickten hurensöhne! nehmt eure scheiß tücher vom körper ihr hackfressen!
das was ihr mit den schweinen macht, machen wir noch mit euch arschgeburten!
Euere Leben zusammen sind doch weniger Wert als von einen Schwein von den Massaker!
Ich häng euch kopfüber an die wand und piss in eure scheiß nasenlöcher ihr dreckviecher!

<–Bitte übersetzen und den ägyptischen Wichsern per Email schreiben ;)
Danke! “

Ich denke nicht das dies die gewünschte Reaktion ist. So unpassend und unwissend diese Kommentare auch sind. Sie spiegeln die Emotionen einiger Menschen wieder. Zitate des Schocks und des Entsetzens. Das diese genauso falsch sind steht natürlich völlig außer Frage.

  1. http://www.who.int/mediacentre/swineflu_presstranscript_2009_05_03.pdf []
  2. http://www.almasry-alyoum.com/default.aspx?l=en []
  3. http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/schweinemassaker-schockt-aegypten/ []
  4. http://www.youtube.com/watch?v=jwMIlw7rCSc&feature=player_embedded []

“Schweinegrippe” (Mexikogrippe!), … Nachtrag.

4. Mai 2009 um 8:54 Uhr

In den Medien herrscht inzwischen weitest gehend Konsens. Die Bezeichnung Mexikogrippe scheint sich durchzusetzen gegen die falsche Bezeichnung “Schweinegrippe”. Leider noch nicht überall, leider hält sich auch bei tagesschau.de weiterhin die Bezeichnung, hoffentlich nicht mehr lange.

Ägypten lässt Schweine keulen

In Ägypten ist es unter dessen wohl zum größten Missverständnis, vielleicht auch wegen der irreführenden Bezeichnung, in der Geschichte des Mexikovirus’ gekommen. Dort sollen in den nächsten vier Wochen alle 300.000 Schweine geschlachtet werden zum “Gesundheitsschutz”1.

Inzwischen wird der Verband dieser Aktion mit der Mexikogrippe geleugnet, da sich in ministeriellen Kreisen wohl doch rumgesprochen haben sollte, dass die Borstenviecher nichts mit der Grippe direkt zu tun haben. Das Zitat eines Unwissenden zum Medienspektakel um die Grippe schon vor einer Woche:

Naja so schlimm kann es ja nicht sein, die Schweine leben auch noch.

trifft es auf den Kopf, eine Übertragung von Schwein zu Mensch ist bisher nicht aufgetreten, wohl aber von Mensch zu Mensch. Weiße Masken für alle (vielleicht auch für die Schweine zum Schutz vor den Menschen) sind weiterhin die wohl beste Präventionsmaßnahme an Plätzen mit erhöhtem Infektionsrisiko (zum Beispiel an Flughäfen).

Gesundheitsschutz oder Repression?

Pikant ist die Entscheidung des Ministeriums vor allem, da es weite politische Auswirkungen hat. Die Schweinezucht wird in dem muslimischen Land von einer christlichen Minderheit betrieben, den Kopten. Von Muslimen wird das Schwein als Unrein gesehen und einigen scheint die Mexikogrippe ein gelegener Vorwand um sich dieses Tieres zu entledigen und eine Minderheit wirtschaftlich zu Schwächen. Kein Wunder, dass es zu Ausschreitungen kommt2.

Fazit

Eine rechtzeitige und wohlbedachte Bezeichnung des Virus bzw. ein Einlenken und richtig Benennen nach Hinweisen von wissenschaftlichen Instituten3, hätte das politische Ausschlachten der Grippe als Repressionsmittel unmöglich gemacht.

  1. http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/tod-den-schweinen/ []
  2. http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/schweinegrippe/schweinezuechter-protest-verletzte-bei-ausschreitungen-in-aegypten_aid_395696.html []
  3. http://www.oie.int/eng/press/en_090427.htm []